Über mich

Ich glaube, ich trage das Reisen genetisch bedingt immer schon in mir. Ich bin chronisch fernwehgeplagt und überlege mir bei der Ankunft am Flughafen jedes Mal diverse Sekunden lang, ob ich nicht doch einfach gleich wieder in den nächsten Flieger steigen sollte. Und das liegt nicht immer nur daran, dass Menschen ja gerne dazu neigen, sich vor, während und nach Urlauben in die Wolle kriegen. Aber auch. Ein bisschen. Manchmal. Wir doch nicht.

Wenn mich meine Freunde fragen, ob ich sie zum Flughafen oder an die Bahn bringen kann, habe ich hinterher Mühe, meine Sehnsucht in ihre Schranken zu weisen. „Ich will mit!“ ruft mein Herz. „Nix da!“ mein Verantwortungsgefühl. Ich schmiede dauerhaft Pläne und ich will überall hin. Ich habe auch kein Problem damit, länger zu bleiben, so lange es fremd ist. Im Ausland leben? Prima. Wann geht’s los?

Wie gesagt, ich kann nichts dafür. Mein Vater und meine Mutter sind schuld. Und meine Großmutter. Die auch. Mein Leben begann mit einem Umzug von der Stadt auf das Land. Meine Eltern meinte, ein Kind solle im Grünen aufwachsen. Damit haben sie grundsätzlich vermutlich recht, aber selbst wenn nicht, hätte ich wenig Einfluss darauf gehabt, denn ich war gerade mal ein Jahr alt. Unsere Ankunft dort gestaltete sich ein wenig holperig, denn wir gehören nicht unbedingt zu den Menschen, die sich unauffällig irgendwo einfügen. Obwohl wir selbst sehr offen für andere sind, fallen wir zumindest auf. Sehr sogar. Besonders auf dem Land, wo das mit der Offenheit andersherum eher nicht ganz so einfach ist.

Mein Vater ist beinahe zwei Meter groß. Er trägt im Winter oder wenn es drauf ankommt, gerne einen schwarzen langen Mantel und einen großen schwarzen Hut, was damals dazu führte, dass Menschen, die ihn nicht kannten, ihn für einen Priester hielten und ihn mit „euer Hochwürden“ anredeten. Das gefiel ihm zwar ausgesprochen gut, aber meistens klärte den Irrtum trotzdem auf, denn er hatte ja Frau und Kind, die sich ebenfalls nicht besonders gut verstecken ließen und bei solchen Sachen ist die katholische Kirche nicht nur auf dem Land eigen.

Völlig unpassend zu seiner eigenen Erscheinung fuhr er einen uralten Peugeot 204, der nur von Hoffnung und ein wenig hellblauer Farbe zusammengehalten wurde und in dem mein Vater auch nur mehrfach gefaltet Platz fand. Er arbeitete beim Fernsehen und moderierte die Sendungen am Vorabend. Damals gab es nur drei Programme. Und die wurden auch geschaut. Das heißt, man kannte ihn. Später, als ich in die Schule ging, hoffte ich jedes Mal, dass er nichts Peinliches sagen würde, womit meine Klassenkameraden mich am nächsten Tag aufziehen konnten und ich war dankbar dafür, dass es im Sender eine sogenannte Garderobe gab. Jemand, der dafür sorgte, dass mein Vater anständig gekleidet und frisiert war. Bis auf das Priesteroutfit (das nun selbst in seinen Augen nicht für vor der Kamera geeignet war) trug er in seiner Freizeit am liebsten eine alte Skihose und einen mehrfach geflickten Wollpulli. Passend zu seinem Hobby. Mein Vater hatte nämlich einen Heißluftballon. Und meine Mutter und ich fuhren stundenlang im Auto hinterher, um ihn und den Ballon wieder einzusammeln. All das hätte vermutlich schon gereicht, um die ortsansässigen Aichschießer davon zu überzeugen, dass wir ein wenig seltsam waren.

Seltsam fanden sie außerdem sein schräges Kind (nämlich mich), das so kurze Haare hatte, dass man nicht sagen konnte, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist. Der Name half auch nicht gerade weiter. Lucinde. Hat man sowas schon mal gehört. Eine Lucinde unter lauter Steffis, Susis, Tinas und Gabis. Tsss. Wir fügten uns quasi ein wie Kamele in eine Pinguinkolonie in der Antarktis. Ähnlich zuhause fühlte ich mich auch. Nämlich gar nicht. Von dem Moment an, in dem ich in die Schule ging (und mir, wie zu erwarten, für meine Andersartigkeit weder Wohlwollen noch Anerkennung entgegenschlug), wartete ich auf den Moment, in dem ich auch in den Augen meiner Eltern genügend auf dem Land groß geworden war. Ich wollte dort weg. Ja, meine Eltern meinten es gut. Und es gab natürlich auch viele nette Menschen und wundervolle Erlebnisse in Aichschieß, aber … nun ja. Wegwollen ist jedenfalls auch eine Reisemotivation.

Nach dem Abitur ging ich für ein halbes Jahr nach England und zog dann, nach einer kurzen Stippvisite in Deutschland und zwei Semestern Jura in Konstanz, für ein Jahr nach Spanien, ohne ein Wort Spanisch zu sprechen. Mein Plan war, diesen Umstand zu ändern und dann internationales Recht zu studieren. Mit der Betonung auf international. Jura war das einzige, was mir dabei als Kombinationsmöglichkeit einfiel. Besondere Ambitionen hatte ich diesbezüglich nicht. Ich wollte einfach die Welt sehen. In Salamanca lebte ich in einer WG mit Jane, einer Lehrerin aus San Francisco, die mir überzeugend erklärte, dass ich erst wissen könne, ob Jura und Spanien mein Lebensziel seien, wenn ich einmal San Francisco und Kunst ausprobiert hatte, das würde auch viel besser zu meinem Charakter passen. Es war sehr gefährlich, so etwas zu mir zu sagen und nur eine Frage von Tagen, bis ich meine Koffer gepackt hatte und umgezogen war. Ab sofort studierte ich also nun dank Jane (ja, wirklich: Danke Jane!) Bildhauerei und Grafik Design in San Francisco. In den Semesterferien flog ich nach Hause und arbeitete in einer Gießerei am Band, um mir das Leben im Ausland leisten zu können. Ich blieb sechs Semester. Drei Jahre.

Nachdem ich also weg war, packten auch meine Eltern ihre Siebensachen, verkauften das Haus, nahmen sich eine Wohnung in ihrer alten Heimatstadt Stuttgart und nutzten meine Abwesenheit dazu, fortan immer ein halbes Jahr in Bolivien zu leben, um dort mit Hilfe von katholischen Nonnen eine Bibliothek und einen Fernsehsender aufzubauen, der den Analphabeten in schulfernen Gegenden Lesen und Schreiben beibringen sollte. Was soll ich sagen? Es ist nicht meine Schuld.

Meine Oma (geboren 1903) fuhr mit achtzehn auf einem Schiff in die USA und blieb dort für einige Jahre als Dienstmädchen bei der Familie Rockefeller. Meine Mutter zog ebenfalls mit Anfang zwanzig in die USA, um dort als Sportlehrerin zu arbeiten und war gleichzeitig Teil der deutschen Olympia-Leichtathletik-Mannschaft, mit der sie 1964 nach Tokio und 1968 nach Mexiko ging. Tja. Und ich? Mit Mitte zwanzig tat ich etwas äußerst Ungewöhnliches für unsere Familienverhältnisse: Ich heiratete. Und ich bekam vier Kinder. Wir lebten ganze zehn Jahre lang in ein und demselben Haus, in ein und demselben Ort in ein und demselben Leben. Ich schwarzes Schaf der Familie, ich!

Nein, ich habe das wirklich nicht eine einzige Sekunde bereut. Schließlich ist das Abenteuer, eine Familie zu gründen, die spannendste Reise, auf die man sich überhaupt begeben kann. Mit ungewissen Ufern und manchmal auch mit rauher See. Wundervoll und schön.

Glücklicherweise habe ich außerdem einen Mann geheiratet, der den Wunsch zu reisen oder gar im Ausland zu leben, wenigstens für einen kurzen Moment nachvollziehen kann, aber dann ist er wieder vernünftig: Die Schule der Kinder, sein Job, unsere Freunde und Familien … Jaja. Ich weiß das Alles. Nicht nur ständig reisen wollen ist genetisch bedingt. Bleiben können auch. Und im Gegensatz zu mir entstammt Holger einer langen Ahnenreihe von Obstbauern und Weingärtnern, die immer das gleiche Fleckchen Erde bewirtschaftet und geliebt haben. Deren männliche Vorfahren schon in der dritten Generation bei der gleichen Firma gearbeitet haben, als Holger dort anfing. Das muss man können. Wir ergänzen uns prima. Während es mich immer weiter weg zieht, schafft er die Basis und den Halt. Und er profitiert davon, dass ich ihn zu Reisen überrede, zu Spontaneität, Wagnissen und Aufbruch (obwohl er sich jedes Jahr an Silvester aufs Neue ein ruhiges Jahr wünscht). Und immerhin hat er sich auf das unglaubliche Abenteuer eingelassen, mit mir und unseren Kindern für beinahe vier Jahre in Japan zu leben. Es hat ihm sogar gefallen. Nur nochmal braucht er zumindest diese Erfahrung wohl nicht. Ich hingegen …

Manchmal beneide ich Holger um seine Sesshaftigkeit. Aber nur kurz. Da draußen gibt es so viel zu sehen! Auch wenn es vielleicht nicht unbedingt vernünftig ist: Ich könnte sofort los. Unter meinem Bett liegt immer ein gepackter Koffer. Also, emotional gesehen. In Wahrheit liegen unter meinem Bett maximal Wollmäuse. Aber ich habe schnell gepackt, soviel ist klar. Und ich beobachte mit Stolz und Neugier unsere vier Kinder. Paulina ist eine überzeugte Bleiberin. Maria plant ihre Zeit nach der Schule in Australien oder Kanada, Lilli fühlt sich überall zuhause und William? So lange man Angeln kann, ist es ihm völlig egal, wo er ist.

Zum Schreiben: Bei dem Versuch, mittels eines Preisausschreibens der Zeitschrift Myself einen Computer zu gewinnen, überschritt ich die Begründungszeilenhöchstzahl (es waren drei) um ca. zwei Din A4 Seiten. Den Computer gewann jemand anderes. Aber Myself druckte meinen Brief in der Folgeausgabe ganzseitig. Das war der Anfang meiner offiziellen Autorenkarriere.

Geschrieben habe ich übrigens tatsächlich schon immer:  Entweder über ganz normale Menschen mit einem ganz normalen Leben und vor allem einem ganz normalen Vornamen. Oder eben das Gegenteil. Geschichten über uns. Um unsere Zeit in Japan zu dokumentieren und dabei nicht komplett den Verstand zu verlieren (therapeutisches Schreiben also), begann ich 2009 meinen Blog „sixinjapan.blogspot.com“, der mittlerweile in Buchform bei Eden Books mit dem Titel „Hallo Japan“ erschienen ist.

Als letztes erschien ein Jugendbuch mit dem Titel „Meloneneis-Sommer“ bei cbj.

Weitere Bücher von mir findet ihr hier .

So, jetzt wisst ihr einiges über mich. Wenn ihr immer noch genug von mir habt, gibt es diesen und noch weitere Texte  ab Sommer 2017 in der Fortsetzung von „Hallo Japan“!

Ich freu‘ mich drauf – und auf euch natürlich, Lucinde